Das Superbuch?

Pokemon Super Rat
Super-Ratten aus Tokyo, die gegen Rattengift immun sind. Die japanische Künstlergruppe CHIM  POM, hat für ihre Videoinstallation "Super Rat" einige Tiere ausgestopft und als Pokémons eingefärbt. Foto: Tokyo-Shibuya, HAU

Lesen wir ab kommenden Montag nur noch E-Bücher? Sind Ebücher, E-Books, eBooks die neuen Superbücher, vor denen traditionelle Leseratten Angst haben müssen? Wie steht es um die Zukunft des Buches?

Ich habe bisher vor allem über E-Bücher gelesen, online und offline, noch keines in der Hand gehabt, und halte den Wirbel vor allem für eine weltweite Marketingaktion, die zeigt, wie sehr wir in Zukunft unser kulturelles Verhalten von Geräten abhängig machen (werden). Nur wer ein digitales Abspielpapier kauft, kann digital lesen. Wir können nur mobil Kultur konsumieren, wenn wir die mobilen Konsumgeräte konsumieren. Ihr wisst, wovon ich spreche: Musik im Ohr, Facebook in der Tasche. Aber wie viele Geräte wollen wir eigentlich haben? Würde nicht eines reichen?

Also, für diejenigen, die es noch nicht wissen. Die E-Book-Marktführer kommen nach Deutschland. Direkt nach der Buchmesse, ab dem 19. Oktober will Amazon sein digitales Lesegerät Kindle in Deutschland und 100 weiteren Ländern ausliefern. Es soll etwa 250 Euro kosten. Der Sony Reader (300 Euro), das Konkurrenzprodukt, ist zwar schon seit diesem Frühjahr in Europa erhältlich, wird aber ständig weiter entwickelt, und kommt ebenfalls Mitte Oktober mit dem neueren Modell PRS-600 auf den Markt. Dieses, so hört man, wird dann wiederum in den USA im Weihnachtsgeschäft von den Sony Readern Daily Edition abgelöst. Und dann gibts noch den iLiad von Philips für stattliche 600 Euro. Der ist so teuer, weil man drauf herumschreiben kann.

Die Geräte überschwemmen den Markt: Aber wer kauft sie? 2008 gingen 1 Million weltweit über den Ladentisch. Dieses Jahr sollen es 5 Millionen werden. In den USA machten digitale Bücher im letzten Jahr nur ein halbes Prozent des Umsatzes aus. Und was kann man eigentlich drauf lesen? Google kooperiert mit Sony und bietet dem Käufer den Zugang zu 500.000 Titeln an. Kindle hat 350.00 Titel im Angebot, vor allem englisch-sprachige, die gesamte Bestsellerliste der New York Times ist dabei. Und seit März kann man, wohl nur in den USA, die Kindle-Software aufs iphone installieren. Für alle, die einen Überblick wollen: Das Hamburger Abendblatt hat alle drei Geräte getestet. Und Nicholas Bakers Lektüreerlebnisse geben immer noch einen guten Überblick über die Entwicklung der Software (hat was mit herumgeschubsten Molekülen zu tun, Elektrophorese) – und unterstützen auch meine These: E-Bücher sind nur eine Station auf dem Weg zum mobilen Lesen. Wir brauchen schlauere Handys. Die könnten dann nämlich auch das total neue Format, das „Wuch“ (Axel Henrici), anzeigen, das Superbuch mit Videos, Musik etc., das der New Yorker „vook“ nennt.

Der Markt wird sich also aufspalten: In Bücher, die digital funktionieren und auch fürs Digitale geschrieben sind, mit knappen Texten (Lyrik!), Grafiken, lexikalischen Einträgen, Comics und Unterhaltungsfaktor; und in Bücher, die gedruckt funktionieren, in denen man herumblättern und -notieren möchte, in die man Lesezeichen legt, Post-its klebt, Reisefotos steckt und die aufgeschlagen auf dem Tisch liegen, wenn Gäste kommen. Für die Schreibtisch- und Unterwegs-Leseratten von morgen.

Achso, die Super Rat-Installation ist noch bis Samstag, 17. Oktober, ab 20 Uhr im HAU2-Foyer zu bestaunen.

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