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Monotasking

Freitag, 10. Juni 2011

Ich wollte heute nochmal auf den Kulturpolitischen Bundeskongress gehen, der sich jedes Jahr serielle Titel gibt: “ X Macht Kultur“. Aber dann hab ich nur ein bisschen Twitter gelesen, weil ich so müde war.

2011 also ein Netz für ein X. Und ein Wlan im Konferenzraum, das nur hinter vorgehaltener Hand von den Hildesheim-Studierenden-Twitterern verraten wurde, die sich im Foyer um die Twitterwand in eine Art Steh-Halbkreis gebaut hatten und von dort aus die Twitter-Kommandozentrale bildeten. Der Hashtag war #kupoge, das Passwort weitaus sprechender für den katholischen Konferenzort. Es hieß: OMariaHilf!, mit Ausrufezeichen, ja, aber es hat trotzdem nicht funktioniert, lieber Gottvater, weil ich alles in Versalien schrieb. Die Tücken stecken im Detail.

Ist es also so, dass kulturpolitische Menschen und Politiker allgemein deshalb eher netz-fern sind, weil sie so oft vom Netz abgeschnitten sind, auch ungewollt? Man erfährt beim Podiumsgespräch einiger Mitglieder der Enquete-Kommission für die digitale Gesellschaft, dass im Plenarsaal des Bundestags Computer verboten sind, neulich hat jemand eine Rede vom ipad abgelesen, das war eine Revolution – und wohl auch Schleichwerbung. Man erfährt widerum, dass Oliver Scheytt, Prof. für Kulturpolitik in Hamburg, eine halbe Stunde pro Woche online ist, das twittert Arne Busse (@amprekord). Mir blieben nach dem ersten Tag mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen einige Worte im Ohr, wie die wunderschön altmodisch klingenden „Digitalisate“, von denen Kulturstaatsminister Bernd Neumann spricht. So stellt er sich also die Digitalisierung von Kultur vor: Abbildungen im Netz, Faksimiles von Büchern, Derivate, Kondensate, Europeanasate; kein Wort darüber, dass man vielleicht „andere Inhalte“ braucht. Die Kosten für diese Re-Abbildungen können dann auch gerne Unternehmen tragen, wie etwa die Bayerische Staatsbibliothek, die nun mit Google zusammenarbeit, erläutert Neumann.

Die zwei großen Fragen, die sich bei mir weitertragen, sind:

  • die Aufmerksamkeitskrankheiten, die das Netz mit sich bringt, und die einen völlig anderen Umgang mit Kunst bedingen. Statt Versenkung vor einem Werk auf einem Altar in einem Kunstpalast gibts die Versendung, den Remix, das Sample des produsers. Statt des „Kunstspiels“ (Gerhard Schulze), in welchem die Bildungsbürger sich in Gesprächen über Kultur ihres eigenen distinguierten Status‘ versichern, gibts Game Art, Bastard Pop oder „culture of insignificance“ für alle Nischen. Statt ästhetischer Urteile äußert man Erlebnis- und Gefühlsurteile („Das ist super“, „Gefällt mir“.) Und das lässt sich als eine Rekompensation des digital Abwesenden verstehen: „Das Virtuelle drängt zum Physischen hin“, erkennt Gerhard Schulze: Beispiele sind die „Arabellion“ in Nordafrika, Partnersuchportale und der Boom von Live-Konzerten. Problematisch wird es dann, wenn die Erlebnisse – im und außerhalb des Netzes –  uns überrollen. Wie schaffen wir es, nicht unterzugehen? Welche Techniken brauchen wir? Die Autorin Kathrin Passig dazu: „Monotasking ist die Fähigkeit der Vergangenheit, unkontrolliertes Schwimmen im Informationsstrom als Fähigkeit der Zukunft.“ Ich bin mir nicht sicher, ob unkontrolliertes Schwimmen so gut tut, eher freies Schwimmen mit Freischwimmer im unkontrollierten Badesee. Jemand, der in Deutschland einen Swimmingpool mit einer Wassertiefe ab 1,60 Meter plant, braucht einen Bademeister. Mehr Freiheit, mehr Tiefe, weniger Bademeister. Umso mehr freut es mich, dass die Verfasser des Slow Media Manifest ein Slow Media Institut planen, toitoitoi!
  • dass die Reform des Urheberrechts dringend nötig ist. Denn nicht nur Künstler der digitalen Kunst begehen ständig „performative Urheberrechtsverletzungen“ (Inke Arns), auch Nicht-Künstler verletzen ständig das Urheberrecht. Denn eigentlich ist jedes Verlinken eines Youtube-Videos eine Art rechtswidriger Nutzung fremder Gedanken. Und da wir das heutzutage alle machen (Wiederholen ist ein wichtiges Element heutiger Kulturtechnik, belehrte uns Mercedes Bunz), hat sich das Urheberrecht von einem Recht für Profis zu einem Recht mit übergreifender gesellschaftlicher Relevanz verändert (Jurist Till Kreutzer). Die Vorschläge reichen von einem fair-use-Modell wie in den USA, das transformierende Nutzung fremden geistigen Eigentums erlaubt, zu einem Leistungsschutzrecht, das immer den Urheber im Blick hat und sich nur auf gewerbliche Nutzung bezieht (Neumann), zu einem partizipativen, freiheitlichen Verständnis im Sinne des Informationsfreiheitsgesetzes (Thomas Krüger), wo alle Inhalte, insbesondere die über Steuergelder finanzierten wie die des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, allen zugänglich gemacht werden. In der Realität sieht es so aus, dass täglich vier Millionen Nutzer sich auf Plattformen wie der gerade als illegal gesperrten Video-on-Demand-Webseite kino.to Filme und Serien angeschaut haben und dass die meisten Urheberrechte bei großen Verlagen und Konzernen liegen. Wer schützt also heute den „produser“, den Produzenten und Konsumenten von Netz-Inhalt? Geht es nicht eigentlich eher um Datenschutz und Informationsfreiheit, die uns etwas kosten sollte? Schlussendlich und produktiv als Idee, weil eher einzelnen Nutzer ausgehen, sei noch die Kulturwertmarke genannt, die der Chaos Computer Club ausgearbeitet hat. Jeder Internetnutzer zahlt etwas mehr für seinen Zugang und erhält damit eine digitale Währung, die er Urhebern, die er schätzt, zukommen lassen kann.

Ich bin gespannt, wie sich Deutschlands (offizielle, Geld vergebende) Kulturwelt weiter mit dem Netz anfreundet. Wahrscheinlich ist das Netz schneller als die Institutionen, und wir haben dann einfach neue Institutionen. Press Esc. Wer über die digitale Gesellschaft der Zukunft mitbestimmen will, kann es zum Glück tun, denn die Enquete-Kommission hat eine Mitmach-Seite, die das Netzvolk zum 18. Sachverständigen ausruft.

PS. Twitterern, denen es sich zu folgen lohnt: @meta_blum, @weiszklee, @amprekord

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Digitale Arbeitswelten

Freitag, 23. April 2010

Ich habe für die taz einen Essay geschrieben, darüber, wie sich digitale Arbeit organisieren lässt. Natürlich haben sich auch andere Leute zu diesem Thema viele Gedanken gemacht, einige erwähne ich in meinem Text. Daher stelle ich hier die Online-Dokumente für eine tiefergehende Lektüre zusammen: Charles Leadbeater schreibt auf der US-amerikanischen Intellektuellen-Plattform, der Frank Schirrmacher sein erstes Interview zu seinem Überforderungsbuch „Payback“ gab, über „The Promise and the Threat of Cloud Culture„. Von einer Bedrohung mag Geert Lovink nicht sprechen, er nennt die Übermacht der Netzkulturen, bzw. ihren Einfluss auf unsere Zeitwahrnehmungen „Kolonialisierung der Echtzeit„.

Wie das allseits in Europa sehnlichst erwartete iPad Situationen – nicht nur Kommunikation – digitalisiert, erklärt Mercedes Bunz auf ihrem Blog: „The iPad is lovely, and it hangs out with you“. Sie weist aber auch darauf hin, dass Apple mit dem iPad keine offenen Situationen zulässt, sondern nur Tätigkeiten, die die jeweils gekauften Apps erlauben.  Die Zukunft liegt im Programmieren, meint sie. Das sehe ich ähnlich, für mich sind Programmierer gar die neuen Eliten. Sie bestimmten, was wir mit Computer machen dürfen (siehe auch Jaron Laniers Manifesto „You are not a Gadget„).

Immer noch aktuell, was die Unmöglichkeit betrifft, Zukunft zu planen, wenn man in kurzfristigen Abständen denkt und arbeitet, ist der schon fast klassische Essay von Pierre Bourdieu „Prekarität ist überall„, aus dem Jahr 1998.

Eine andere Form der Mediennutzung, eine, die vielleicht nicht so energie-absaugend und ermüdend ist, schlagen die Verfasser des slow media-Manifests vor. Hier mal der dritte Paragraph: „Slow Media fördern Monotasking: Slow Media lassen sich nicht nebenbei konsumieren, sondern provozieren die Konzentration der Nutzer. So wie die Herstellung eines guten Essens die volle Aufmerksamkeit aller Sinne eines Koches und seiner Gäste erfordert, können Slow Media nur in fokussierter Wachheit mit Genuss konsumiert werden.“ Daher kommt jetzt kein Link mehr. Dieser Lesestoff reicht, oder? Ich wünsche gute Versenkung.

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