Die Rückkehr der Ehrlichkeit

So heißt ein Artikel der Journalistin Christine Truong über ein Gedicht des „Kafka der iphone-Generation“ Tao Lin. Der New Yorker Autor schreibt seit vielen Jahren auf seinem Blog heheheheheheheeheheheehehe, ist Herausgeber des 2008 gegründeten Online-Literaturmagazins Muumuu House, wo er unter anderem die Twitter-Feeds oder Gmail-Chats befreundeter Autoren in Auswahl herausgibt.

Er hört sich so an, als ob er einen Virus nicht loswürde, der ihn dazu zwingt, nur auf sich zu hören, denn es geht immer um sein kleines Ich, das sich fürchtet, alleine ist, arbeitet oder nicht, das die Welt in Fetzen wahrnimmt und Wahrnehmungsfetzen gleich wieder zurückspeit. Jede Metapher, die er benutzt, ist ein direkter Anschluss an die Realität, zumindest an seinen Gefühlshaushalt. Ironie, tschüss, Sarkasmus, adé. Hier ist einer, der sich selbst wieder glaubt. Nur sich selbst. Ehrlichkeit mit sich selbst ist für ihn ein Wert, eine Haltung. Man könnte glauben, dass einer, der so um sich selbst kreist, langweilig wird, larmoyant und anstrengend (Heul doch zu Hause!), aber nein, seine Twitterschreibe, schnell rausgehauen, aphoristisch und versucht nah, macht süchtig, weil sie poetisch ist, klug und verrückt, und für jeden in ihrer Absurdität verständlich. Wir alle sind so. Nur können wir nicht so schnell schalten wie er. Etwa hier, Tweetauswahl der letzten Tage:

facebook & twitter are insane
watching a video of myself eating a giant bowl of noodles in 2008
felt confused thinking about elephants, thought ‚are elephants…obese?‘
earnestly believed i was ‚the devil‘ last night in a manner that seems bleak thought about texting someone ‚what if i’m really the devil, lol‘ & felt kind of afraid (copyright: twitter.com/tao_lin)

Einer, der es schafft, ein neues Akronym zu erfinden, das „ufsi“ (unfit for social interaction) heißt, hat auf jeden Fall verstanden, was von ihm erwartet wird und was er für sich schützen muss. Dabei spielt Tao Lin mit diesem Paradox, dass er einerseits vor dem Daten- und Beeinflussungsstrom untertauchen will, dass er aber gleichzeitig, um sich zu behaupten, ein Dauerfeuer abschießt, über alle Kanäle, die ihm zur Verfügung stehen. Dass er den Kontakt zwar verweigert, aber ständig Kontaktmöglichkeiten anbietet. Das führt zu Melancholie, die schon immer ein guter Schreibmotor war.

2009 ist bei Dumont Tao Lins erster Roman mit dem blöden Titel „Gute Laune“ erschienen, der im Original „Eeeee Eee Eeee“ hieß, seitdem versuchte sich kein deutschsprachiger Verlag mehr mit seinen Werken. Weil es niemanden interessiert? Eher weil alle ihn auf Englisch lesen wollen, die ihn auf Englisch lesen können. Denn so scheint er uns noch näher.

PS: Frei nach seiner Analyse der Zukunft des Romans wäre Tao Lins Romanstil gut mit „The Novel of Distraction“ bezeichnet.

PPS: Ich kann nicht aufhören, an diesem Text weiterzuschreiben, ich habe das Gefühl, ich habe viele wichtige Dinge noch gar nicht gesagt.

PPPS: Ist es wichtig, dass Tao Lin 1983 geboren wurde?

PPPPS: Heute morgen konnte ich mich nicht zwischen Buttercroissant, Schokocroissant und Nußnougatcroissant entscheiden. Ich habe dann alle drei gekauft.

PPPPPS: Ich würde gerne wie Tao Lin schreiben!!!

PPPPPPS: Ich werde nie wie Tao Lin schreiben…

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