Startschuss in Duisburg

Mobiles Internet 1

Die Wand des Lehmbruck Museums (Zentrum für Internationale Skulptur) in Duisburg...

Mobiles Internet 2

... trägt ein 2-D-Grafitti zum Thema "mobiles Fernsehen und Internet".

Wie schön ist Duisburg! Besonders angetan hat es mir dieser Alt-BRD-Charme von „der preiswerte mediterrane Grieche“ über den Bierkeller „Schacht 4/8“ zum „Bauchspeck-Steak“ in der Fußgängerzone. Die erste Konferenz zu Kulturmarketing und Web 2.0, die eben dort am 24. und 25.9. stattfand, die startconference, wurde gerade sogar als Trendmarke 2009 nominiert, herzlichen Glückwunsch. Der Ruhrpott kommt. Viele waren dort: Kommunikationsabteilungsleiterinnen, Journalisten, Media Futuristen, Web Zweinuller, Theatermacher, Studenten, Masseure. Mir ist vor allem aufgefallen, wie groß das Interesse ist, Kultur anders zu kommunizieren. Sehr hilfreich für Anfänger ist übrigens das Vorab-Blog der Konferenz als erste Einführung ins Thema mit Beiträgen von Karin Janner.

Was gibts Gutes?

Am besten lernt man von anderen: im Bereich Orchesterkommunikation zum Beispiel von den Duisburger Philharmonikern, die mit einigen bloggenden Orchestermitgliedern, aber auch einer Community von Duisburger Orchesterfreunden (es winken Freikarten zu Konzerten) das dacapo betreiben. Etwa 1.500 Seitenaufrufe pro Tag hätten sie, sagt Blog-Redakteur Christoph Müller-Girod. Ihr flickr-Account hatte bisher 100.000 Aufrufe, vimeo 80.000, auf twitter folgen ihnen 2.000. Der Fagottist Laszlo, der mit dem Marketing-Experten und dacapo-Initiator Frank Tentler wettete, social media funktioniere auch im Bereich klassischer Musik, hat seine Wette gewonnen.

Erfolgsversprechend ist auch die neue Internetstrategie des Berliner Medienkunstfestivals transmediale: Hier wird nicht nur während des Festivals Online-Content produziert – auf Blog und über Twitter, Facebook – sondern auch in der festivalfreien „Trockenphase“. So bindet man die Interessierten, die Künstler, startet Debatten in der „Generation Upload“. Clemens Lerche, der das alles verantwortet, hat viele schöne Zitate zusammengestellt, die seinen Ansatz illustrieren und die ich hier wiedergeben möchte:

The Internet is not a medium, but a connection machine. (Jeff Jarvis)

Marketing in Zeiten des Social Web heißt, Zufriedenheit sichtbar zu machen. (Marc Pohlmann)

Relevanz ergibt sich aus dem Kontext der Beziehungen der User zueinander.

Erfolg hat, wer seine Nutzer unterstützt. Dialog ist immer und überall. 

Wer hört mir überhaupt zu?

Aber wie wird man überhaupt gesehen, in unserer „Aufmerksamkeitsökonomie“? Prof. Breidenich von der Kölner Dependence der Macromedia Fachhochschule rät, „eine Geschichte zu erzählen“, mit Hilfe von Design, Inhalt, Flächen, Zeichen. „Design ist, wenn man trotzdem kommuniziert“, ergänzt er, in unserer Gesellschaft der „Kompetenzsteigerung“ (Sloterdijk). Dabei ist weniger oft mehr: Die transmediale twittert nur zwei- bis dreimal pro Tag. Bei den Philharmonikern sind vor allem die aktuellen, schnell hochgeladenen Fotos und die wackligen Videos erfolgreich.

Hat man ein internationales Publikum, das in unterschiedlichen Zeitzonen lebt, muss man die jeweiligen Peakzeiten beachten. Wann nutzen US-Amerikaner Facebook? Wann twittern die Argentinier? Wer geht wann ins Netz?

Wichtig ist auch, den Nutzern ein Angebot zu geben: PDF-Flyer zum Herunterladen und Verschicken, Banner, RSS-Feed, Inhalte mit embed-Code. So bieten die Philharmoniker Klingeltöne fürs Handy an. Alle diese Informationen werden natürlich nicht nur über einen Kanal an das Publikum gebracht: auch die klassischen PR-Wege bleiben aktiv. Vor allem aber bietet sich die Kooperation mit ähnlichen Partnern an, die gegenseitige Verlinkung, Logo- und Banneraustausch.

Das Motto heißt „Filesharing“. Denn das Internet ist eine „Kopiermaschine“ (Gerd Leonhard), es produziert, um mit Mercedes Bunz zu sprechen, die „Utopie der Kopie„: Im Netz entstehen identische Kopien. Nicht mehr das Original ist entscheidend, sondern Codes werden einfach verdoppelt, unendlich. Die Macht geht somit auf diejenigen über, die diese Kopien verwalten und verbreiten: Server und Konzerne wie Youtube, Google, Facebook. In Zukunft werden wir transnationale Regelungen brauchen, die sich für Vielfalt im Web einsetzen, damit nicht neue Monopole, Monopole des Wissens, der Dateien entstehen. 

Den Anfang machen

Aber gibt es nicht schon zu viel Zeug im Netz? Wieso soll man noch mehr Inhalt produzieren? Angeblich werden wir täglich mit etwa 1.000 Werbebotschaften bombardiert, von verschiedensten Medien. Heute zählt: Nur das, was uns bewegt, was uns persönlich anspricht, nehmen wir wahr. Wer nur sendet, bekommt nichts zurück. Wichtig ist daher, Vertrauen aufzubauen, den Dialog wirklich zu wollen. Einfach nur einen Twitterkanal zu starten, aber niemandem zu folgen, nicht auf Kommentare zu antworten, keine Tags zu setzen, ist fast aussichtslos. (Wenn du eine SMS bekommst, reagierst du ja auch, oder?)

Klingt doch alles ganz einfach. Dennoch, wer mit dem Web 2.0 experimentieren will, sollte klein anfangen, sagen die Experten. Ein bisschen experimentieren, und erstmal nur eine Facebook-Gruppe oder einen Twitter-Account anlegen. „Gehen Sie nach Hause und reservieren Sie Ihre Namen!“, fordert Nicole Simon, Autorin von „Mit 140 Zeichen“ und erfahrene Twitteranerin. Die „Königsdisziplin“, weiß Kulturmarketing-Experte Christian Henner-Fehr, ist aber das Blog. Er selbst ist schon seit Jahren dabei, und verrät: „Durch das Web 2.0 kann sich Ihre Unternehmenskultur verändern.“ Man muss es nur wollen. Auf Brooklyn Museum schreiben zum Beispiel alle Mitarbeiter des Museums, kleine Geschichten aus dem Archiv, aber auch von der Kasse. Das Thema eines Blogs kann schnell gefunden sein: Womit beschäftigen wir uns sowieso?

Was machst du so?

Genau das wäre meine Frage an die Konferenz gewesen. Ich hätte mir ein paar mehr Kultur-Macher auf der Konferenz gewünscht. Wie twittert etwa ein Autor, eine Band? Ein traditioneller Verlag hätte seine Ebook-Strategie vorstellen können, ein Musiklabel seinen Download-Shop. Und ein bisschen Medienkritik hätte auch nicht geschadet. Schließlich ist das bisher die Stärke der deutschen Blogosphäre von Niggemeiers Bildblog über netzpolitik bis Spreeblick. Und wenn wir alle bald besser, vernetzer kommunzieren, geht vielleicht Clemens Lerches Wunsch in Erfüllung: „Ich will nur noch eine Email pro Tag kriegen.“

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