Maskierte Winkekatzen

Vor einigen Jahren besuchte ich eine bolivianische Familie und wollte Postkarten nach Hause schreiben. Ich saß auf dem Bett, denn einen Schreibtisch gab es nur im Elternschlafzimmer, vollgestellt mit Kosmetik und Parfumflakons, ein anderer, mit Computer, stand im Wohnzimmer, dort konnte ich mich nicht konzentrieren, dort war das Zentrum der Familie. Also balancierte ich die Postkarten auf meinen Knien, Adressbuch daneben und versuchte mit Kuli einige Zeilen festzuhalten. Das war fast unmöglich, denn immer wieder kamen Familienmitglieder zu mir und fragte mich, ob ich mich nicht zu ihnen setzen wolle. Ich könne da doch nicht so alleine sein. Für sie war es unverständlich, warum ich mich absonderte in einem abgedunkelten Raum und schweigen wollte.

Ich lernte in meiner Postkarten-Situation, wie individualistisch meine Kultur ist und wie gemeinschaftlich eine andere. Das nächste Mal schrieb ich meine Karten in Gesellschaft und die kleine dreijährige Tochter malte ein paar Striche dazu. So kamen wir zusammen.

Wie lernt man andere Kulturen kennen? Wie überwindet man Stereotype? Ich glaube immer mehr, dass das durch die Begegnung mit Menschen, durch die Annäherung an ihren Alltag am einfachsten ist. Genau diese dialogische Annäherung versuchen wir seit Juni mit dem zweisprachigen Blog Los Superdemokraticos. Hier schreiben 20 Autorinnen und Autoren über das, was sie bewegt, in 12 Ländern, auf 3 Kontinenten. Um diesen Dialog auch in der Echtzeit stattfinden zu lassen, dort, wo wir wohnen, veranstalten wir jeden Monat eine Party, einen so genannten Sommersalon, an Orten, an denen in Berlin lateinamerikanische Kultur stattfindet. Im Juni spielten im Acud die Bands Sudaca Power (Berlin) und El mató a un policía motorizado (La Plata), im Juli gab es kubanische Musik von Ganga Projekt im neuen mexikanischen Biergarten La Pulquería.

Unser dritter Sommersalon wird ein Ninja-Fest – inspiriert von den Lehren des Alan Mills, einem guatemaltekischen Autor und einem unserer Blogger, und den Gemeinschaftscodices der vielen verschiedenen lateinamerikanischen Kultur-Kollektive der Stadt, die eine Überlebensstrategie herausgebildet haben, in der unter jedem Kostüm noch eine weitere Maske durchscheint. Denn wer in Berlin als Latino lebt, wird mit Klischés konfrontiert: sexy, gut tanzend, lebensfroh, oberflächlich. Sich als Kollektiv zusammenzutun, bedeutet dann, stärker sein als alleine, sich den eignen Job selbst zu schaffen, das Berliner Stadtleben selbst mitzuprägen. Kurz: sich das Klischée zu eigen machen.

DJs aus drei Kollektiven werden am 26. August ab 21 Uhr im Madame Satã, Bergstr. 25, auflegen: Kid Watusi (Cumbia Rockers), Intiche (Pachazonica) und Grace Kelly (Mundo Mix), sicherlich eine der wichtigsten DJanes der Szene und unsere Gastgeberin in der neuen Cafébar, die vor einigen Wochen in Berlin-Mitte mit viel Liebe zu Details eröffnet wurde – Kunstrasen und Ploppplastik an den Wänden, maskierte Winkekatzen im Regal, Minialtäre. Dieser freie Ort heißt euch herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.

Madame Satã (nicht Satin, sondern Satan) war übrigens ein homosexueller Brasilianer, der von ehemaligen Sklaven abstammte und weder lesen noch schreiben konnte. Er sorgte in den 1940er Jahren in Rio de Janeiro für Skandale: in Dragclubs, Bars, Varietés, und saß insgesamt 27 Jahre im Gefängnis. Allerdings erhielt er auch einmal den Preis für das beste Kostüm im Karneval!

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