Fleischsensibel in dritter Generation

Deutschland ist Fleisch: Auf der aktuellen ZEIT prangt ein blutiges Steak, Jonathan Safran Foers „Eating animals“-Buch löst, kurz vor seinem Erscheinen auf dem deutschsprachigen Markt, eine Welle fleischkritischer Prosa und Interviews aus. Woher kommt diese neue Sensibilität für das Wohl der Lebewesen, die wir vertilgen? Ist das nur ein neuer Trend, ein weiterer Fall von „bewusst leben“ in Gesellschaften, die keine anderen Probleme haben?

Ich persönlich finde es absurd, dass auf einmal alle wie erleuchtet scheinen und zu fleischlos Glücklichen konvertieren. Denn wir wussten es doch schon lange: Tierhaltung heute ist brutal, Begriffe wie „Kleingruppenhaltung“ aus der Welt der Legehennenbatterien belegen das eindrücklich. Rinderzucht produziert Klimagase, verbraucht viel Energie (Wasser, Transportkosten, Kühlung), verschwendet Nahrung (Futtermittel) und damit Anbauflächen, die für durchaus nachhaltigere Speisen verwendet werden könnten. Die gentechnisch veränderten Wesen, die auf unseren Tellern landen, wären in ihren natürlichen Umgebungen nicht mehr lebensfähig: Hühner mit Mörderbrüsten, Rinder mit Superhintern. Und die ihnen gespritzten Medikamente nehmen schlussendlich wir Menschen als Endverbraucher auf. Fleisch ist wahrlich kein Gemüse. Und Kühe sind nicht lila.

Trotz allem: Ich gebe zu, ich habe heute Fleisch gekauft und zubereitet. Unter fließend kaltem Wasser wusch ich mehrere Putenschnitzel (Salmonellen, nächste Industriekrankheit), trocknete sie ab, schnetzelte sie auf einem Holzbrett, befreite sie von Sehnen, Fett, Blutresten, Venenresten. Dann schmiss ich die Fetzen rein in die Marinade. Die hellrosa Stückchen schob ich ein bisschen in der Soße hin und her, und schließlich spießte ich sie auf kleine Holzstäbchen. Manchmal trieb ich die Spitze leicht durch die Hautzellen, manchmal hakte sie etwas fest. Richtig angenehm ist mir diese Verarbeitungsweise nicht, das gebe ich zu. Rohes Fleisch fühlt sich kalt an, es ist, wenn man ehrlich ist, totes Fleisch.

Jedes Mal, wenn ich Fleisch in die Hand nehme, dann muss ich daran denken, wie meine Mutter sich überwindet, um Fleisch zuzubereiten. Denn sie wurde vegetarisch erzogen. Ihr Vater, mein Großvater war Vegetarier, Demeter-Guru, Reformhaus-Käufer. Das ist für die Generation der nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Gefangenschaft Heimgekehrten sehr ungewöhnlich. Aber er entstammte einer Hamburger Metzgerfamilie und war damit vorgeprägt. Sein Vater war genauergesagt „Fett- und Wurstwarenhändler“, so deutlich hieß das damals. Er starb wohl an Herzverfettung – die Familienlegende berichtet, an seinem Bett hätte immer ein Wurstteller gestanden. Mein Opa stellte im Jahr 1953, nachdem die ersten Nachkriegsjahre vorbei waren, in denen man alles essen musste, was über Lebensmittelkarten verteilt wurde, die Ernährung seiner Familie um, weil meine Mutter ebenfalls für ein paar Monate eine Herzkrankheit ans Bett fesselte. Fortan galten im Hause Paulssen die Lehren des schwedischen Vegetariers Are Waerland, der unter anderem Rohkost, Wassertreten und ein ganzheitliches Leben propagierte. Also gab es für meine Mutter als Kind und Jugendliche weder Fleisch noch Fisch. Eier nur an Ostern. Stattdessen Fleischersatz-Pasten, schonend gedünstetes Gemüse, kaum gesalzen, Pellkartoffeln zu jedem Essen, regionale Apfel-Sorten, die gelobt und angepriesen wurden wie Trüffel. Und jeden Bissen mindestens 20mal kauen, bitteschön. Süß und salzig wurden nie zusammen gegessen, kalt und warm auch nicht.

So wie Fleisch etwas Fremdes, fast schon Verachtenswertes in dem Haushalt ihrer Eltern war, so kann meine Mutter es heute noch immer nicht anfassen, sie ekelt sich davor. An Fleischtheken wird ihr schlecht. Ich stelle es mir so vor: Wie wenn sie einem Lebenwesen unter die Haut fassen würde, etwas Intimes berühren, das schon fast verdorben ist, weil glibschig und seelenlos und gestohlen. Daher kocht sie nur Hackfleisch oder Kassler, Fleischversionen, die sie direkt von der Verpackung aus in die Pfanne geben kann. Denn, so sagt sie heute, „diese Ausschließlichkeit hat mich wahnsinnig gemacht“.

Ich fand das immer sehr bewundernswert, denn ihre Erziehung hatte sie genau das Gegenteil gelehrt: Fleisch abzulehnen. Sie aber wollte nicht so dogmatisch sein, wusste dass Ideologie nur Verbohrheit bedeutet. Aber auch ich konsumiere Fleisch nun sehr bewusst. Gerichte aus Gemüse, Nudeln, Reis, Kartoffeln kommen mir eher in den Sinn als Speisen mit Rind, Huhn, Lamm. Ich habe Respekt vor Tieren und muss nicht erst durch das Beiwohnen an einer Schlachtung (neuer Trend: Porkcamp) sensibilisiert werden, oder besser: Ich genieße Grünpflanzen mehr als Tiere! Ich propagiere Rohkostteller: Gurke, Paprika, Tomate, gekochte Kartoffel an Kräuterquark. Denn ich bin fleischsensibel in dritter Generation. Wahrscheinlich gibt es von uns nur sehr wenige, daher die Aufregung in Deutschland.

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2 Kommentare zu „Fleischsensibel in dritter Generation“

  1. Gisela Gross sagt:

    Nikola – hätte ich ein eigenes Blog, ich hätte heute auch einen Artikel in der Art geschrieben. Daumen hoch! Der Rummel um „Tiere essen“ und die überhaupt nicht neuen Argumente Foers ist absolut nicht nachvollziehbar. Warum jetzt erst? Warum schreit die deutsche Presse jetzt auf, wo ausgerechnet ein Amerikaner das Thema Nachhaltigkeit entdeckt?! Ich versteh’s nicht. Und halte es ansonsten wie deine Mutter: am besten nicht mal anfassen … (Allen anderen sei der Appetit dennoch nicht verdorben).

  2. Nikola sagt:

    Danke! Das Positive an all dem fleischigen Rummel ist: Die Leute denken vielleicht endlich mal über den Fleischkonsum nach. Ich finde Fleisch ja lecker, aber diese Diskussionen sind wirklich uralt.

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