Wo sind die bloggenden Frauen?

Die Datenschutz-Expertin Anne Roth fragte sich das Ende November auf ihrem Blog annalist: Warum gelten nur männliche Blogger wie Stefan Niggemeier, Markus Beckedahl, Sascha Lobo als „Alpha-Blogger„? Wo sind die Frauen?? Fehlt ihnen der Ehrgeiz, auf Rankings aufzutauchen, widmen sie sich zu vielen diversen Themen, so dass sie sich verzetteln, ist Frauen die Aufmerksamkeit nicht so wichtig? Kommunizieren sie klein, also zu leise? Saßen sie deshalb bei der re:publica 2009, der Berliner Blogger-Konferenz, nur auf einem Panel, dessen übergreifender Titel den Schluss nahelegen konnte, Frauen bloggten nur über Babykotze? Sind sie zu schlecht vernetzt? Letzteres lässt sich leicht ändern, daher verlinke ich hier meine Erkenntnisse über Frauen im Netz. Andere Link-Listen, als Reaktion auf Anne Roths Blogpost, gibt es natürlich auch schon, nämlich hier und hier. Sozial-medial haben sich die Bloggerinnen schon vernetzt, untereinander, als Girls on the Web-Facebook-Gruppe (Join us!) und als Twitter-Liste, z.B. vom Fräulein Tessa.

Ich lese die Frauen alle sehr gerne, allerdings schreiben viele dezidiert mit feministischem Ansatz. Ist das für die Blogosphäre uninteressant? Kann ja eigentlich nicht sein, denn sie besteht auch aus lesenden Frauen. Müssten andere Themen stärker aufs Parkett? Wo sind die politischen, ökonomischen, kulturellen Bloggerinnen? Wo die Sport-Blogger? Die Theoretikerinnen? Die Online-Journalismus-Weiterdenkerinnnen? Die Investigativen? Die Globalen? Etc?

Die gute Nachricht ist: Über all das schreiben Frauen bereits, aber meist versteckt zwischen anderen Inhalten. Und selbst, wenn Bloggerinnen sich für ein bestimmtes Thema einsetzen, schreiben sie weniger mit dem Anspruch, sich auf ein Spezialistentum zu begrenzen, Meinungsführung zu geben, ihr Ego zu polieren. Sie schreiben weniger aufgeregt, weniger netzpolitisch, weniger aggressiv. Vielleicht machen sie das Netz ruhiger. Differenzierter?

Bildet euch einfach selbst eine Meinung, bringt ein bisschen Zeit mit und lest mehr Frauen! Hier ist meine subjektive Auswahl (die sehr gerne ergänzt werden kann). Achja, Frauen sind ja auch immer so krass subjektiv.

Das Gruppenblog der Mädels (plus einen Mann) von der Mädchenmannschaft (Susanne Klingner, Verena Reygers und andere) wurde 2009 für den Grimme Online Award nominiert. Ist wahrlich kein Geheimtipp, aber ein gut funktionierendes, oft heiß diskutierendes Blog. Um ähnliche Themen, aber mehr Philosophie, ein bisschen Religion, eine eher akademische Perspektive gehts bei Antje Schrupp. Ihre Webseite sieht etwas chaotisch aus, nicht abschrecken lassen. Aktueller Text „Kann eine Feministin fromm sein?“ Es lohnt sich durchaus, darüber in der Vorweihnachtszeit einmal nachzudenken.

Mercedes Bunz ist nach ihren Stationen beim Berliner Stadtmagazin zitty (Chefredakteurin) und beim Tagesspiegel Online seit August 2009 beim Guardian Online in London als Technology Reporter eingestiegen. Damit ist sie auch eine der wenigen deutschsprachigen international wahrgenommenen Bloggerinnen – die Frage ist bloß, ob man sie überhaupt als Bloggerin bezeichnen kann? Eine andere redaktionell angebundene Schreiberin, Teresa Bücker, ist Social Media Managerin bei Freitag.de (bis vor einiger Zeit nannte sich ihr Job noch „Community Management“). Sie hat ein eigenes Blog zum Thema Girlism, sehr lesenswert, vor allem, wenn man sich für karierte Klamotten, Popkultur und Feminismus interessiert. Die Klassikerin unter den Netz-Schreiberinnen ist wohl Katrin Passig von der ZIA (Zentrale Intelligenz Agentur). Sie bloggt manchmal auf Riesenmaschine und verfasst eine „Internetkolumne“ im Merkur, einer gedruckten Zeitschrift, oho. Dass sie 2006 den wichtigen Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hat, weiß jede, oder?

Auch Professorinnen bloggen, nämlich Miriam Meckel, die Freundin von Anne Will. Sie unterrichtet an der Universität St. Gallen Corporate Communication und ist dort Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement. Ihr Blog hat seit kurzem ein schickes neues Design und bietet saisonal sogar einen Adventskalender für ihre Leserinnen und Leser. In diesem Kontext kann ich endlich meine Frage loswerden, warum es in diesem Jahr eigentlich so viele digitale Adventskalender gibt (z.B. auf radio eins, bei Drama Köln)? Ich stelle nachmittags jetzt immer ein Teelicht neben mein Laptop, das schafft auch relativ viel Stimmung, besonders, wenn sich mal eine Seite nicht so schnell lädt – wegen der Adventsdownloads.

Die einzige Bloggerin, die von der Blog-Anzeigenplatz-zu-verkaufen-Gesellschaft Adnation vermarktet wird, heißt Franziska Bluhm. Sie hat auf ihrem Blog (Franziskript) gerade die Blogger des Jahres 2009 aufgelistet. Darunter ist interessanterweise nur eine Frau, nämlich Happy Schnitzel (Susanne Reindke) mit ihrem Twitterfeed. Adnation wurde im Übrigen von Sascha Lobo, Max Winde, sowie den Spreeblick-Gründerinnen Tanja und Johnny Haeusler gerufen, Tanja Häusler bloggt hier. Das kultigste berlinische Fotolog, Stil in Berlin, macht die Fotografin Mary Scherpe – es wird auch von ZEIT ONLINE unterstützt, also: verlinkt. Über Musik, Kunst, manchmal auch über Theater, bloggt Mary auf ihrem Textblog Quite contrary. (Ich hatte mich hier vertippt und Textlblog geschrieben; und dann mal schnell gegooglet: Textlblog ist noch frei! Falls eine von euch noch einen Namen sucht…)

Zum Abschluss etwas typisch Bloggiges, nämlich Geschichten aus dem Alltag, in diesem Fall von Madame Modest. Und der Nachwuchs: Eva Lautsch, die Stadtpiratin, bloggt über ihr Jurastudium, Mode, Recht, Feminismus und viele, viele andere Dinge, z.B. Kapitalismuskritik und Bücher.

Von wegen, es gibt keine spannenden Bloggerinnen!

Postscriptum: Offline-Lesetipp Missy Magazine! Glückwunsch zum 1-Jährigen! Es wird in Hamburg von engagierten Frauen (z.B. Chris Köver) gemacht. Es liest sich in etwa so: Popkultur, Frauen, aber auch neue Familienmodelle, Vorbilder, Do-it-Yourself-Basteltipps, ökologische Turnschuhe, … Erst wenn man dann wieder ein „normales“ Magazin liest, fällt einem auf, wie wenig Frauen „normalerweise“ vorkommen.

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13 Kommentare zu „Wo sind die bloggenden Frauen?“

  1. Helga sagt:

    Der Blog von Miriam Meckel ist leider nicht richtig verlinkt (da fehlt das e am Ende). Ansonsten tolle Übersicht der Frauen in der Blogosphäre!

  2. Nikola sagt:

    Danke für Lob und den Hinweis, habs geändert!

  3. Claudia sagt:

    Warum werden wir eigentlich, trotzt relativ hoher BesucherInnenzahlen, eigentlich in der feministischen Blogsphäre kaum erwähnt oder verlinkt. Berührungsängste?
    http://femininelesbians.wordpress.com/

    Claudia und Sophia

  4. Wie süß, Frau Meckel wird über ihre Freundin beschrieben. 😉

    Und welche Infos bringen denn schon die Alphatiere?
    Häufig das, was sich anderswo auch findet. Nur noch mit ihrer Meinung widergekäut. 😉
    Die leisen weiblichen Töne machen mehr Spaß.

    Von daher, vielen Dank für die Zusammenstellung der von Frauen geschriebenen Blogs.

  5. Verena sagt:

    Liebe Nikola,

    das ist lieb, dass du uns einen Grimme Online Award hast gewinnen lassen 🙂 Tatsächlich waren wir „nur“ nominiert und zwar 2009. Das Jahr davor haben wir aber aber immerhin den BOB der Deutschen Welle als Bestes Deutsches Webblog eingeheimst…

    Viele Grüße aus dem Camp der Mädchenmannschaft
    Verena

  6. Nikola sagt:

    Der Grimme Online Award kommt dann sicher noch. Self fulfilling prophecy! Ich ändere das aber gleich mal, auf das hier nix Falsches kolportiert wird.

  7. […] Entschuldigung, dass ich auch was sage von Verena Dieser Text ist Teil 21 von 21 der Serie Wilde MädchenNachdem Anne Roth vor zwei Wochen in ihrem Blog und beim Freitag die Frage nach der Wahrnehmung weiblicher Macherinnen in der Blogosphäre stellte, habe ich mir zahllose Klicks lang Gedanken gemacht. Genauso wie vor und neben mir schon Teresa Bücker beim Freitag oder Nikola Richter in der Blogmacherei. […]

  8. Christian sagt:

    „Ich lese die Frauen alle sehr gerne, allerdings schreiben viele dezidiert mit feministischem Ansatz. Ist das für die Blogosphäre uninteressant? Kann ja eigentlich nicht sein, denn sie besteht auch aus lesenden Frauen.“

    Warum kann es nicht sein, dass Frauen sich nicht für den Feminismus in der dargestellten Art interessieren?
    Ist es ausgeschlossen, dass der Feminismus in der diskutierten Art weit weg ist von dem, was Frauen in ihrem täglichen Leben interessiert? Die Debatten sind teilweise ja sehr abstrakt („ist die Selbstbezeichnung „Mädchen“ zulässig oder nicht?“).

  9. Nikola sagt:

    Natürlich gibt es Frauen, die sich nicht für den Feminismus welcher Art auch immer interessieren. Schade, eigentlich. Aber deshalb schreiben wir ja drüber – und denken weiter drüber nach, wie auch die Männer, ohne die gehts ja auch nicht.

    Ob die Selbstbezeichnung Mädchen zulässig ist, müsste das Mädchenmannschaft-Team selbst besser wissen.

  10. […] Richter auf blogmacherei.de: “Wo sind die bloggenden Frauen?” Januar […]

  11. Website sagt:

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