Die Superdemokraten

Eigentlich habe ich mich nie so doll für Südamerika interessiert. Ja, ich gebe es zu. Ich fand dieses linke Idealisierung eines gesamten Kontinents auf Che-T-Shirts, die bunten Strickbeutel mit Lama-Motiven, die folkloristische Panflötenmusik sehr anstrengend.

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Zum Glück denken meine Freunde anders, denn ich lernte die südamerikanische Kultur über meine Freunde in Berlin kennen, mit ihnen lernte ich Mate trinken, Cumbia tanzen, unpünktlich zu sein und sogar Spanisch: Danke an euch alle, Ed, Rery, Timo, Soffi! Und: Ich lernte besonders die Literatur kennen, in langen Lesestunden die großen Romanautoren wie Julio Cortazár, Roberto Bolaño, Gabriel García Marquéz, Juan Rulfo, Manuel Puig, Isabel Allende und Clarice Lispector und beim lateinamerikanischen Poesiefestival latinale die zeitgenössischen Lyriker. Dann erst flog ich über den Atlantik – und schrieb darüber ein langes Gedicht. In La Paz, Bolivien sah ich Schuhputzer, die aus Scham vor ihrem Beruf mit Gesichtsmaske herumlaufen. In Rosario, Argentinien gibts auf öffentlichen Plätzen Wlan. Der Flughafen von Miami ist Umsteigebahnhof für vielköpfige Familien, die zwischen den USA und Südamerika pendeln. Zu Hause in Berlin bin ich in meinem Freundeskreis oft die einzige Deutsche. So viele Realitäten. So viel zu beschreiben. In welchen Gegenwärtigkeiten leben wir? Wie wollen wir sie gestalten?

Und weil das so abstrakt ist, weil das aber auch jeden Tag so real ist, haben Rery und ich uns vor einem Jahr bei einer Lateinamerika-Ausschreibung der Bundeszentrale für politische Bildung mit einer Blog-Idee beworben: Autorinnen und Autoren aus Südamerika und Deutschland schreiben mehrere Monate über das, was sie in ihrem Alltag als Bürgerinnen und Bürger bewegt, literarische Annäherungen an politische Gegenwart. Ein brasilianischer Blogger diskutiert mit einer Migrantin in den USA und wird von einem deutschen Lyriker kommentiert – so stellen wir uns das vor: ein superdemokratisches, überdemokratisches Netz im Netz.

Im März bekamen wir die Zusage von der Bundeszentrale und waren aus dem Häuschen! Seitdem basteln Viktor und Clemens an unserem Logo und der Seite. Rery und ich sind im Dauerkontakt, skypen, meist zu später Stunde, im Hintergrund läuft bei ihr oft bolivianisches Radio, bei mir nichts. Ich mag die Stille, denn ich wohne am Görlitzer Park und höre mitternachts die Penner grölen, die unter dem alten Gleis wohnen, morgens im Kinderbauernhof den Hahn krähen, sonntags die Kirchenglocken läuten. Wir beide bewegen uns einer ganz eigenen Zeitzone, einer superdemokratischen Zeitzone, wo man zu jeder Uhrzeit Brot und Lebensmittel kaufen kann, beim 24-Stunden-Bäcker oder beim Spätkauf. Weil wir beide keine Büros haben, treffen wir uns in Cafés und Bars, in der Öffentlichkeit breiten wir unsere Papiere aus, neben Bier und Kaffee und – für Rery – Aschenbechern.

Heute erzählte mir ein isländischer Blogger bei einem internationalen Bloggerstammtisch, die Blogosphäre sei ein großes weltweites Kaffeehaus. Das gefällt mir: Im Juni betreten nun zwanzig Superdemokraten dieses Kaffeehaus, schreiben auf Spanisch, Deutsch und Englisch und rütteln uns hoffentlich, wie es eine Bewerberin formulierte, aus unserer „postdemokratischen Gemütlichkeit“ auf.

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2 Kommentare zu „Die Superdemokraten“

  1. Hallo Nikola,
    ein toller Artikel, finde ich. Ich wollte dich fragen, ob du nicht Lust hättest einen kurzen Beitrag über deine Erfahrung in Bolivien zu schreiben. Ich koordiniere seit einigen Wochen die folgeden Nachrichten-Website über Bolivien
    http://bolivien.mediaquell.com/

    Ich suche ständig nach „colaboradores“, da ich alleine nicht immer die Seite aktualisiert halten kann. Es wäre super, wenn du dabei mitmachen würdest. Das alles mache ich nur „por amor a la patria“ und ich hoffe, ich habe dich ein bisschen motivieren können.

    Saludos desde Karlsruhe,

    Ana Rosa

    P.S. Wenn du noch jemanden kennst, der Interesse daran hätte, sag mir bitte Bescheid.

  2. Nikola sagt:

    Dankeschön, ich schau mir deine Seite gerne an. Im Moment bin ich sehr beschäftigt, aber frag doch im Juni nochmal, ja? Alles Liebe.

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